Johanna (später Joan) Weinstein (geb. Landmann) (1921-1970)
Beschreibung
Joan Weinstein wurde am 30.12.1921 als Johanna Landmann in Augsburg geboren. Ihre Eltern waren der Pelzfabrikaten Joseph Landmann (1895-1964) und dessen Frau Regina Landmann, geb. Grünebaum (1891-1955). Sie wuchs in Augsburg zusammen mit ihrem Bruder Heinz (1920-2014) und ihrer Schwester Irma (1923-1985) auf. In den 1920er-Jahren bewohnte die Familie Landmann ein Apartment in der Bahnhofstraße 18. Später zog die Familie in die Hermanstraße 3. Seit 1922 wohnten die Landmanns in einem gemeinsamen Haushalt mit Minna Wolf (eine Schwester der Mutter Regina, 1889-1943) und deren Tochter Auguste (1922-2005). Von 1932-1936 besuchte Johanna die Maria-Theresia-Schule. Zusammen mit ihrer Cousine Auguste Wolf ging sie am 02.04.1936 ohne Abschluss von der Schule ab. Beide Mädchen wurden im Mittelschulzweig der Klosterschule St. Elisabeth (Franziskanerinnen-Kloster Maria Stern) aufgenommen. Johanna war eines der neun jüdischen Mädchen, die im Mai 1937 ihre ‚Konfirmation‘ (Bat Mitzwa: Fest der religiösen Mündigkeit für jüdische Mädchen) in Augsburg feierten; zu dieser Gruppe gehörten auch ihre Cousine Auguste Wolf und Marianne Weil.
Wie ihre Geschwister Heinz (später Henry, 1920-2014) und Irma (1923-1985) wurde auch Johanna als Jugendliche Mitglied in der ‚Privaten Tennisgesellschaft Augsburg‘ (PTGA). Der Sportverein wurde auf Initiative jüdischer Augsburger Kaufleute in den frühen 1920er-Jahren gegründet. Der letzte Vorsitzende des Vereins war Johannas Vater Joseph Landmann. In dem Sportverein konnten Jüdinnen und Juden bis 1938 weiter trainieren, nachdem sie aus den allgemeinen Klubs ausgeschlossen worden waren. Das Vereinsgelände im Alten Heuweg war für sie auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Johanna Landmann nahm als Leichtathletin an zahlreichen Wettkämpfen teil.
Nachdem ihr Vater Joseph und ihr Bruder Heinz im Zuge der Novemberpogrome vorübergehend im KZ Dachau inhaftiert worden waren und nach sechs Wochen freikamen, floh die gesamte Familie Landmann 1939 in die USA. Die Eltern und Geschwister ließen sich in New York (USA) nieder und blieben in engem Kontakt zueinander. Ihr Bruder Heinz, nun Henry Landman, kehrte im Jahr 1945 als US-Soldat nach Deutschland zurück und befreite als Teil der US-Army im April Augsburg. Johanna, die sich nun Joan nannte, hielt in den USA Kontakt mit dem früheren Augsburger Rabbiner Dr. Ernst Jacob (1899-1974). Im fünften seiner Rundschreiben an die zerstreute jüdische Gemeinde Augsburgs, im April 1943 von Springfield (Missouri, USA) aus versendet, zitiert Ernst Jacob aus einem Brief Johannas: „Ich möchte eine gute und loyale Amerikanerin werden. Aber die Lehren, die ich in Deutschland bekommen habe, werden mich alle Zeit erinnern, nie mein Erbteil zu verleugnen, eine immer bessere und bessere Jüdin zu werden all mein Leben lang.“ Während des Krieges arbeitete Joan als Krankenschwester in einem New Yorker Krankenhaus. Sie heiratete Sol Weinstein; das Ehepaar bekam eine Tochter. Joan arbeitete als Pelznäherin. Joan Weinstein, geb. Johanna Landmann, verstarb am 09.08.1970 in New York (USA).
Autor
Nathalie Jäger M.A. (Jüdisches Museum Augsburg Schwaben)
Literatur:
Andreas Heusler, Brigitte Schmidt, Eva Ohlen, Tobias Weger u. Simone Dicke, Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945, Bd. 1 (A-L), hrsg. vom Stadtarchiv München, München 2003, S. 777 u. 779 (zu Gerson und Sofie Landmann).
Zwei Briefe Johanna Landmanns, ca. 1942/43; Auszüge bei Ernst Jacob, Rundschreiben Nr. 5 (April 1943) und 6 (September 1943), in: Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung“. Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941–1949, Augsburg 2007, S. 65-73, hier: S. 68f., und S. 74-80, hier S. 78.
Gernot Römer, Die Austreibung der Juden aus Schwaben. Schicksale nach 1933 in Berichten, Dokumenten, Zahlen und Bildern, Augsburg 1987, S. 219-227.
Gernot Römer, „Wir haben uns gewehrt.“ Wie Juden aus Schwaben gegen Hitler kämpften und wie Christen Juden halfen, Augsburg 1995, S. 82 u. 87-101.
Paul Rosenau und Henry Landman, „Erinnerungen an die 20er und 30er Jahre in Augsburg“, in: Peter Fassl (Hg.), Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben II. Neuere Forschungen und Zeitzeugenberichte, Stuttgart 2000, S. 319-337.
Irmgard Hirsch-Erlund, Irmgard. Eine jüdische Kindheit in Bayern und eine Vertreibung, hrsg. von Gernot Römer, Augsburg 1999, S. 96f. (zur Batmizwah 1937).