Minna Wolf (geb. Grünebaum) (1889-1943)
Beschreibung
Minna Wolf, geb. Grünebaum, wurde am 15.11.1889 als Tochter des Metzgers Moses Grünebaum (1860-1941) und dessen Frau Johanna, geb. Rosenthal, in Hellstein (Hessen) geboren. Das Ehepaar betrieb Landwirtschaft und eine koschere Metzgerei. Minna wuchs gemeinsam mit ihren jüngeren Schwestern Regina (später verheiratete Landmann, 1891-1955) und Else (später verheiratete Aretz, 1896-1942) sowie ihrem jüngeren Bruder Jonas (1897-1960) auf. 1921 heiratete sie in Elberfeld den Uhrmacher und Goldschmied Gustav Wolf (1881-1922). Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes zog sie während ihrer Schwangerschaft zu ihrer in Augsburg lebenden Schwester Regina Landmann, geb. Grünebaum (1891-1955) und deren Familie. In Augsburg brachte sie am 21.04.1922 ihre Tochter Auguste (später Anne, 1922-2005) zur Welt. Minna Wolf und ihre Tochter lebten fortan zusammen mit der Familie Landmann in einem gemeinsamen Haushalt in der Bahnhofstrasse 18 und zogen später mit ihnen gemeinsam in die Hermanstraße 3. Minna Wolf betrieb in Augsburg ein Schuhgeschäft. Das Augsburger Einwohnerbuch von 1931 verzeichnet die Adresse Metzgplatz/Sterngasse 1. Im Augsburger Einwohnerbuch von 1934 wird der Schuhladen von Minna Wolf zusammen mit dem Geschäft von Joseph Landmann, Fell- und Rauhwaren, unter der gemeinsamen Adresse Ravenspurgerstraße 41 geführt.
Nachdem die Gewaltmaßnahmen der Nationalsozialisten gegenüber Jüdinnen und Juden stetig zunahmen, sah sie sich gezwungen, ihre Tochter Auguste am 03.05.1939 mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit zu bringen. Auguste siedelte später von dort aus in die USA über. Allen weiteren Angehörigen der Augsburger Familie Landmann gelang im Verlauf des Jahres 1939 die Flucht in die USA. Minna Wolf war als einzige der Familie gezwungen, in Augsburg zu verbleiben. Sie erhielt bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges am 01.09.1939 keine Ausreisegenehmigung. Zwischen November 1941 und dem März 1943 musste sie in der Augsburger Ballonfabrik Zwangsarbeit leisten. Die Deportationslisten aus Bayern verweisen darauf, dass Minna Wolf im März 1943 aus Augsburg über München-Berg am Laim nach Auschwitz deportiert wurde. Dort wurde sie vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet.
Vor ihrer Deportation übergab Minna Wolf einen Koffer mit verbliebenen Habseligkeiten an das Ehepaar Hans, wohnhaft in der Ravenspurgerstr. 41. Bei dem Ehepaar handelte es sich um die christlichen Vermieter der dortigen Geschäftsräume. Sie bewahrten den Koffer über den Krieg hinweg auf. Als Ende April 1945 Heinz Landmann, der sich nun Henry Landman nannte, als Soldat der US Army in Augsburg nach seiner Tante Minna Wolf suchte, führte ihn sein Weg dorthin. Er konnte nur noch ihren Koffer in Empfang nehmen.
Autor
Nathalie Jäger M.A. (Jüdisches Museum Augsburg Schwaben)
Literatur:
Archiv USHMM Collection, Henry Landman papers, Series 7, Writings, Biography, S. 23.
Visual History Archive USC Shoah Foundation, Henry Landman, Interview 16769. (Zur Bearbeitung wurde auf eine unveröffentlichte Transkription des Interviews aus dem Jahr 2018 zurückgegriffen).
Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941–1949 (Material zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007, S. 383 (Eintrag: Anne Auguste (Gusti) Wolf, verh. Weil).
Visual History Archive USC Shoah Foundation, Henry Landman, Interview 16769.
Einwohnerbuch der Stadt Augsburg 1931, Augsburg 1931, Eintrag Landmann, Joseph, S. 259.
Einwohnerbuch der Stadt Augsburg 1934, Augsburg 1934, Eintrag Landmann, Joseph.
Stadtarchiv Augsburg, Meldebogen Minna Wolf.
Gernot Römer, 2007, S. 383 (Eintrag: Anne Auguste (Gusti) Wolf, verh. Weil).
Deportationslisten aus Bayern: Deportation aus Augsburg März 1943, letzte Seite, unterer Eintrag.