Beschreibung
Der archaisch-griechische Fingerring stammt aus der Sammlung Alain Ollivier. Er wurde aus Silber geschmiedet und hat eine annähernd runde Öffnung. Ein eingepunzter Perlrand mit beidseitiger Umrillung rahmt die Siegeldarstellung einer Harpyie ein, die sich auf der rautenförmigen Siegelplatte befindet. Die Flügel sind in Frontalansicht wiedergegeben, der weibliche Kopf und der Unterkörper als Vogelleib dagegen im Profil. Nach griechischer Auffassung sind die Harpyien dämonenhafte, geflügelte Windgeister in weiblicher Gestalt, die aufgrund ihrer sturmwindähnlichen Eigenschaften und Schnelligkeit mit Vogelleibern dargestellt werden. Zwar stehen die Harpyien den Windgöttern Zephyros und Boreas nahe, aber sie haben negative Eigenschaften, indem sie plötzlich erscheinen, Unheil stiften und Menschen entführen. Die Phineus Sage erzählt hierzu folgendes: Die Argonauten finden den blinden Phineus, der ihnen den Weg nach Kolchis zeigen will, wenn sie ihn von den Harpyien befreien. Phineus leidet an Hunger, da ihm die Harpyien regelmäßig das Essen stehlen. Die Boreaden Kalais und Zetes, selbst Flügelwesen, vertreiben schließlich die Harpyien. Das Harpyienmotiv auf einem Fingerring wurde demnach als apotropäisches Amulett getragen. Der Norden Griechenlands hatte große Silbervorkommen, daher ist zu vermuten, dass das Material für die Herstellung dieses Silberringes aus griechischen Mienen kam, und nicht wie Gold aus fernen Ländern importiert werden musste.
Autor
Archäologische Staatssammlung München