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Protagonisten von Revolution und Räterepublik

Intellektuelle und Literaten prägten entscheidend die bayerische Revolution von 1918/19. Dies gilt sowohl für die Anfangsphase mit Kurt Eisner als auch für Zeit der Räterepublik. Wichtige Protagonisten der ersten Phase der Räterepublik, wie Gustav Landauer (1870-1919), Erich Mühsam (1878-1934) und Ernst Toller (1893-1939), haben daher auch literarische, programmatische und darstellende Werke hinterlassen.

Doch gab es auch ganz andere biografische Hintergründe: Der SPD-Vorsitzende Erhard Auer (1874-1945) war bereits seit 1908 Berufspolitiker, während der erste Ministerpräsident nach Kurt Eisner, Johannes Hoffmann (1867-1930), ursprünglich Lehrer war.

Dagegen war Max Levien (1885-1937), neben Eugen Leviné (1883-1919) wichtigster Repräsentant der kommunistischen Räterepublik, promovierter Naturwissenschaftler. Leviné hatte Nationalökonomie studiert und ebenfalls eine Dissertation verfasst.

Erhard Auer

Erhard Auer (1874-1945) war als Vorsitzender der bayerischen MSPD und Innenminister im Kabinett von Kurt Eisner 1918/19 einer der wichtigsten Politiker in Bayern. Als überzeugter Befürworter der parlamentarischen Demokratie stand er in starkem Gegensatz zu Ministerpräsident Eisner. Der Hass, den ihm die linksradikalen Anhänger eines Rätesystems entgegenbrachten, mündete am 21. Februar 1919 in ein Attentat auf ihn, das er nur knapp überlebte.

Anfang Februar 1919 erschien im Münchner Hochschul-Verlag eine Sammlung politischer Reden Erhard Auers, in denen er seine Positionen für das "neue Bayern" ausbreitete. Den theorielastigen Plänen der Unabhängigen Sozialdemokraten stellt er eine pragmatisch ausgerichtete Realpolitik entgegen, auf deren Grundlage der demokratisch-sozialistische Volksstaat, in dem die Masse der werktätigen Bevölkerung endlich zu ihrem Recht gelangt, aufgebaut werden soll. Zentrale Themen, die Auer in seiner Funktion als Innenminister vertrat, waren unter anderem die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung oder die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, wobei er besonders vor einer Gefahr durch den Kommunismus warnte. Als sozialdemokratischer Politiker setzte er sich für die Verständigung der Völker nach dem ersten Weltkrieg ein und brachte seine Gedanken über ein Reichsgrundgesetz für die Vereinigten Republiken Deutschlands mit ein. Vor allem aber arbeitete er gegen den Widerstand Eisners auf einen raschen Übergang zu einer repräsentativen parlamentarischen Demokratie hin.

Erhard Auer, Das neue Bayern: politische Reden, München 1919.

Johannes Hoffmann

Johannes Hoffman (1867-1930) war Volksschullehrer in der Pfalz, bevor er 1908 in die SPD eintrat und in den bayerischen Landtag gewählt wurde. Von 1919 bis 1930 war er auch Mitglied im Deutschen Reichstag.

Nach der Revolution am 7./8. November 1918 wurde Hoffmann zum Kultusminister im Kabinett Eisner ernannt und verfolgte die Trennung von Staat und Kirche, was unter anderem die Abschaffung der Konfessionsschulen und die Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht in Bayern vorsah. Nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner (1867-1919) und dem Attentat auf Innenminister Erhard Auer (1874-1945) im bayerischen Landtag wurde er zu einem Kompromisskandidaten für die Landtagsparteien, um wieder eine vom Landtag gestützte Regierung zu bekommen. Es gelang ihm allerdings nicht, die politischen und sozialen Spannungen abzubauen und die Lage in München zu stabilisieren. Er musste mit der Regierung schließlich nach Bamberg ausweichen, während in München die Räterepublik ausgerufen wurde. Von Bamberg aus organisierte er schließlich das Vorgehen gegen die Räterepublik. Nach deren Niederschlagung wurde in Bamberg die neue bayerische Verfassung ausgearbeitet, bevor die Regierung und der Landtag wieder nach München verlegt wurden. Hoffmann musste schließlich auf Druck der Bayerischen Volkspartei im Zuge des Kapp-Putsches als Ministerpräsident zurücktreten. Nach Jahren in der Pfälzer Kommunalpolitik trat er 1923 für einen selbstständigen pfälzischen Staat ein, was ihn politisch isolierte. Er starb 1930 in Berlin.

Gustav Landauer

Der Anarchist und Sozialist Gustav Landauer (1870-1919) wurde von Kurt Eisner im November 1918 nach München gerufen. Er entwickelte sich zu einem Protagonisten der Rätebewegung und war maßgeblich an der ersten Münchner Räterepublik vom 6./7. bis 13. April beteiligt. Am 2. Mai 1919 wurde er in München-Stadelheim ermordet.

Landauer publizierte bereits 1911 seine theoretische Schrift "Aufruf zum Sozialismus". Eine 2. Auflage folgte 1919; im damals verfassten Vorwort (München, 3. Januar 1919) fordert er, nach der politischen Revolution nun zum Aufbau des Sozialismus zu schreiten.

Gustav Landauer

Aufruf zum Sozialismus

Köln 4. Auflage 1923

Erich Mühsam

Der Anarchist Erich Mühsam (1878-1934) war zusammen mit Gustav Landauer einer der Protagonisten der 1. Räterepublik vom 6./7. bis 13. April 1919. Aus diesem Grunde zu Festungshaft verurteilt, war er zwischen 1919 und 1924 in den Gefängnissen Ebrach , Ansbach und Niederschönenfeld inhaftiert.

Mühsam publizierte kurze Zeit nach seiner Entlassung aus bayerischer Festungshaft seine Sammlung "Revolution. Kampf-, Marsch- und Spottlieder". Die in ihr enthaltenen Gedichte und Lieder entstanden seit 1909, schwerpunktmäßig aber während Mühsams Haftzeit. Inhaltlich reicht das Spektrum von Arbeiterliedern bis zu Gedichten, die sich mit tagespolitischen Geschehnissen (Weltkrieg, Revolution und Räterepublik, Entwicklung der SPD, Ordnungszelle Bayern) befassen. Gewidmet ist die Sammlung dem Arbeiterführer Max Hölz (1889-1933), der 1920/21 vom Vogtland aus mit einer "Roten Armee" an kommunistischen Aufständen in Thüringen und Sachsen beteiligt war.

Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der Räterepublik veröffentlichte Mühsam 1929 einen Rechenschaftsbericht über die Revolutions- und Rätezeit in Bayern, der bereits im September 1920 in der Festungshaftanstalt Ansbach entstanden war. Der Bericht richtet sich nicht gegen Angriffe von rechts oder aus der SPD, sondern gegen Kritiker innerhalb der sozialistisch-kommunistischen Bewegung, welche die erste Räterepublik als "Scheinräterepublik" diskreditierten und nur die kommunistisch geführte, zweite Räterepublik ernst nahmen. Mühsam bezieht sich vor allem auf die Schrift "Die Bayrische Räterepublik" (Leipzig ca. 1919), die der KPD-Politiker Paul Frölich (1884-1953) unter dem Pseudonym P. Werner veröffentlichte.

Literatur:

Erich Mühsam, Revolution, Kampf-, Marsch- und Spottlieder, Berlin 1925

Erich Mühsam, Von Eisner bis Leviné. Die Entstehung der bayerischen Raeterepublik. Persönlicher Rechenschaftsbericht über die Revolutionsereignisse in München vom 7. Nov. 1918 bis zum 13. April 1919, Berlin-Britz 1929

Ernst Toller

Der Dramatiker Ernst Toller (1893-1939) gehörte seit 1917 zum engeren Kreis um Kurt Eisner. Ab November 1918 war er Mitglied verschiedener Rätegremien und spielte eine zentrale Rolle in beiden Räterepubliken im April 1919, u. a. in der Roten Armee. Infolge dieser Aktivitäten wurde er 1919 zu einer fünfjährigen Festungshaftstrafe verurteilt. In seiner Haft in Niederschönenfeld verfasste Toller das Drama "Masse Mensch", in dem er sich kritisch mit den Revolutionsereignissen auseinandersetzt und Gewaltanwendung eine klare Absage erteilt.

Literatur:

Ernst Toller, Masse Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts, Potsdam 2. Auflage 1922.

Eugen Leviné

Der gebürtige Russe Eugen Leviné (1883-1919) war im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. 1905 nahm er an der russischen Revolution teil. Anschließend wurde er in Russland inhaftiert; 1908 kaufte ihn seine Mutter frei. Wieder in Deutschland, schloss sich Leviné der SPD an. In Berlin gründete er 1918 den linksradikalen Spartakusbund mit, der im Januar 1919 in der KPD aufging. Die KPD schickte Leviné im März 1919 nach München. Dort trat er als einer der Anführer der kommunistischen Räterepublik hervor, die Anfang Mai 1919 niedergeschlagen wurde. Leviné wurde zum Tode verurteilt und am 5. Juni 1919 hingerichtet.

"Stimmen der Völker zum Krieg" ist eine Sammlung von Vorträgen, die Leviné im Herbst des Jahres 1914 auf Parteiversammlungen der SPD in Berlin hielt. Der Band wurde 1924 postum von seiner Ehefrau Rosa Meyer-Leviné (1890-1979) herausgegeben. In den Vorträgen setzt sich Leviné vehement für eine pazifistische Grundhaltung und damit gegen den Krieg ein: Im August 1914 war der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Die SPD beteiligte sich von Anfang an an der sog. Burgfriedenspolitik. Damit sollten für die Dauer des Krieges innenpolitische Konflikte beigelegt werden und alle Parteien nach außen hin Einigkeit demonstrieren. Für seine Argumentationen zog Leviné auch eine Auswahl von griechischen, römischen, indischen, russischen und deutschen literarischen Werken heran, die von Homers "Ilias" bis zu Bertha von Suttners (1843-1914) "Die Waffen nieder" reichen.

Eugen Leviné/Rosa Meyer-Leviné, Stimmen der Völker zum Krieg, Berlin 1924.

Max Levien

Wie Eugen Leviné gebürtiger Russe, hatte der deutschstämmige Max Levien (1885-1937) schon vor dem Ersten Weltkrieg in München gelebt. Bereits seit November 1918 hatte er als Vorsitzender des Münchner Soldatenrats gegen eine Stabilisierung der politischen Lage unter der Regierung Eisner und für die Installierung eines Rätesystems gearbeitet. Anfang 1919 wurde er zum Vorsitzenden der bayerischen KPD gewählt. Während der zweiten Räterepublik gehörte er ebenfalls dem Vollzugsrat an. Gemeinsam mit Leviné bildete er das Führungsduo der kommunistischen Räteregierung.

Anders als Leviné gelang es Levien, im Mai 1919 zu fliehen. 1921 ging er zurück nach Moskau und schlug eine Funktionärs- und Universitätskarriere ein. Im Rahmen der Stalin'schen Verfolgungskampagnen (sog. Große Säuberung) wurde er 1937 ermordet.