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Orbis latinus (Großausgabe, 1972)

Diese Sammlung ist Teil des Bestandes der "Bayerischen Staatsbibliothek".


In seiner fast 150-jährigen Publikationsgeschichte hat sich der Orbis latinus über den Verlauf von vier Auflagen hinweg zum umfassendsten Verzeichnis lateinischer Ortsbezeichnungen von der Antike bis zur Neuzeit entwickelt. Vor allem die von Helmut Plechl (geb. 1920) erarbeitete Großausgabe der 4. Auflage, die in drei Bänden 1972 erschien, vervielfachte den Wortbestand und etablierte das Werk als unverzichtbares Nachschlagewerk für die Geschichtswissenschaft.

Zur Geschichte des Orbis Latinus

Der Bibliothekar, Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler Johann Georg Theodor Graesse (1814-1885) wirkte als Privatbibliothekar des sächsischen Königs Friedrich August II. (1797-1854). Seit 1871 war er Direktor des "Grünen Gewölbes" der Staatlichen Kunstsammlungen Dresdens, seit 1877 auch der königlichen Münzsammlung.

Aus seiner praktischen Museumsarbeit heraus entstand das 1861 veröffentlichte Werk "Orbis latinus, oder: Verzeichnis der lateinischen Benennungen der bekanntesten Städte etc., Meere, Seen, Berge und Flüsse in allen Theilen der Erde nebst einem deutsch-lateinischen Register derselben; ein Supplement zu jedem lateinischen und geographischen Wörterbuche". Wie er in seinem Vorwort schreibt, ging es ihm in erster Linie dabei nicht darum, ein umfassendes lateinisches Lexikon zur Geographie zu verfassen, sondern lediglich eine kleine Arbeitshilfe für "Leser [...], für den Literaturhistoriker und Bibliographen, für den Archivar und Numismatiker und endlich für Jeden, der lateinisch zu schreiben hat [...]" zu schaffen.

Obwohl diese erste Auflage bereits zahlreiche Lemmata aus der ganzen Welt auflistete, enthielt sie doch, gerade was kleinere Orte angeht, umfangreiche Lücken. 1909 folgte daher eine, im Umfang nahezu verdoppelte, zweite Auflage. Die Überarbeitung und Erweiterung hatte der Breslauer Universitätsprofessor Friedrich Benedict (geb. 1850) besorgt. Er wertete systematisch bereits veröffentlichte Quellen- und Geschichtswerke aus, bspw. die Editionen der Monumenta Germaniae Historica sowie Hermann Oesterleys (1834-1891) "Historisch-geographisches Wörterbuch des deutschen Mittelalters" (1883).

Benedict vermehrte die Stichworte des Orbis vor allem in Hinblick auf den mitteleuropäischen Raum und das Mittelalter, unter weitgehender Vernachlässigung des außereuropäischen Raumes und der für den Numsimatiker Graesse wichtigen Frühen Neuzeit. Nichtsdestotrotz wurde das Werk 1922 - inhaltlich unverändert - in einer dritten Auflage wiederveröffentlicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erarbeitete der Universitätsprofessor, Mittelalterforscher und Hilfswissenschaftler Helmut Plechl, gemeinsam mit Sophie-Charlotte Plechl, systematisch die vierte Auflage des Orbis latinus, die 1971 (einbändige Handausgabe) und 1972 (dreibändige Großausgabe) erschien. Es handelt sich um die vollständige Zusammenstellung lateinischer Ortsbezeichnungen, wie sie seitdem nicht mehr erreicht worden ist. Plechls Bearbeitung enthält über reine Ortsnamen hinausgehend auch zahlreiche Bezeichnungen für Klöster, Gebirge, Gewässer und Meere; die Bezeichnungen datieren von der Antike bis zum Ausklingen der (akademisch gepflegten) Latinität im 19. Jahrhundert.

Die Lemmata des Orbis latinus sind nicht phonetisch, sondern streng alphabetisch angeordnet; die modernen Ortsnamen folgen vor allem bei außereuropäischen Namen einer nicht mehr verwendeten Transkriptionsweise (etwa Honschiu statt Honshu). Für den deutschen Bereich wurden die inneren und äußeren politischen Verwaltungsgrenzen von 1937 zugrundegelegt. Bei Orten, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen bzw. Rußland gehören, sind im Regelfall die heutigen Ortsnamen zusätzlich aufgeführt.