Das Ministerium Lutz

Johann von Lutz (1826-1890) war schon zu Lebzeiten ein umstrittener Mann. Durch seine Rolle bei der Absetzung Ludwigs II. hat er, ähnlich wie Bernhard von Gudden (1824-1886), heute einen denkbar schlechten Ruf, der seine Bedeutung für das moderne Bayern überdeckt. Lutz, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte, machte nach seinem Studium in Würzburg rasch Karriere. 1863 wechselte er in das königliche Kabinettssekretariat, 1867-1871 amtierte er als Justizminister, 1869-1890 als Minister für Kirchen- und Schulangelegenheiten. Spätestens seit 1870 bestimmte Lutz die bayerische Politik, auch wenn er erst 1880 offiziell zum Vorsitzenden im Ministerrat wurde.

Als Politiker war Lutz nüchtern und berechnend; er war liberal, aber empfand sich wohl als bayerischer und kleindeutscher Patriot. Vor allem war er ein pragmatischer Jurist und Beamter. Bei den Verhandlungen zum Beitritt Bayerns in das Deutsche Reich war er die treibende Kraft.

In der bayerischen Abgeordnetenkammer hatte die katholische Patriotenpartei seit 1869 die Mehrheit. Lutz, ein Gegner des Parlamentarismus, regierte seitdem am Landtag vorbei. Im Kulturkampf war er ein strikter Verfechter der Trennung von Kirche und Staat.

Ludwig II. förderte Lutz während seiner ganzen Regierungszeit; nachdem er sich in den 1870er Jahren immer mehr in seine Schlösser zurückzog, unterzeichnete er die Vorlagen seiner Regierung in der Regel ohne jede eigene Initiative. In ihrer Ablehnung von Parlament und einem zu großen Einfluss der Kirche waren sich König und Minister einig. Umgekehrt hielt sich Lutz bis 1885 gänzlich aus den königlichen Angelegenheiten heraus. Erst als Ludwigs Schulden außer Kontrolle geraten waren und Lutz befürchten musste, entlassen zu werden, reagierte er als eigennütziger Patriot; sobald er sich sicher sein konnte, dass er Vorsitzender im Ministerrat bleiben würde, betrieb er zielstrebig die Absetzung des Königs. Er blieb auch unter Prinzregent Luitpold bis kurz vor seinem Tod Leiter der bayerischen Regierung.

Friedrich Röhrer-Ertl