Ludwig II. und das Leben am bayerischen Hofe

Luise von Kobell (1828-1901), Tochter des Mineralogen und Volksschriftstellers Franz von Kobell (1803-1882), gehörte über ihre Eltern von Anfang an zum Teil der gehobenen Münchener Gesellschaft. 1857 heiratete sie den Juristen August von Eisenhart (1826-1905). Als dieser 1869 Hofsekretär Ludwigs II. wurde, zog sie mit ihm in eine Wohnung im Komplex der Münchener Residenz. Bis zur Entlassung ihres Ehemannes im Jahr 1876 gehörte sie zum erweiterten Kreis des königlichen Hofstaats. Neben kurzen Geschichten, biografischen Skizzen und kunsthistorischen Essays schrieb sie unter ihrem Mädchennamen mehrere Bücher über König Ludwig. Diese gestalten sich vor allem in Anbetracht ihrer detaillierten Schilderungen über die zeitgenössische höfische Gesellschaft als interessant. Dabei tendiert die Autorin allerdings dazu, den Einfluss ihres Mannes als Kabinettssekretär zu überzeichnen. Nichtsdestotrotz gehören ihre Bücher neben der Biografie Gottfried von Böhms (1845-1926) zu den wichtigsten frühen Werken über König Ludwig II.

Insbesondere der zweite Band des Erinnerungsbuches "Unter den vier ersten Königen Bayerns", stellt eine äußerst interessante und gewitzte Darstellung des Hoflebens unter Ludwig II. dar. Darin finden sich unter anderem genaue Ausführungen dazu, dass der König sich einer offiziellen Hoftafel nur aus Pflicht – selten aus Vergnügen – unterzog. War Ludwig II. laut den Niederschriften Kobells ein Gast nicht sympathisch, "so ließ er große Blumensträuße auf die Tafel stellen, damit der Betreffende vor Rosen und Kamelien kaum zu sehen war." Zur "Abwehr der Audienzen" verwendete der bayerische König jedoch auch oft seine chronischen Kopf- und Zahnschmerzen als Ausrede.

Friedrich Röhrer-Ertl / Julia Misamer