Letzter Brief König Ludwigs II.
Am 9. Juni 1886 reiste eine elfköpfige Delegation aus Politikern, Ärzten und Pflegern nach Hohenschwangau, um Ludwig II. von seiner Entmachtung in Kenntnis zu setzen. Er sollte dort in Gewahrsam genommen und nach Schloss Linderhof gebracht werden. Der Zug konnte von München aus nur bis Biessenhofen fahren, von dort aus ging es in Kutschen für die Delegation weiter. Eine Bahnlinie von Biessenhofen nach Füssen wurde erst im Jahr 1889 fertig.
Die dilettantisch durchgeführte Aktion scheiterte jedoch an den örtlichen Autoritäten, die auf Anweisung Ludwigs die Delegation im Torhaus von Neuschwanstein festsetzte. Erst am darauffolgenden Vormittag wurden die Mitglieder nach telegrafischer Weisung aus München wieder freigesetzt und zogen sich zunächst unverrichteter Dinge wieder zurück.
Der Brief König Ludwigs II. (1845-1886), den er an diesem 10. Juni aus Schloss Neuschwanstein an seinen Vetter Ludwig Ferdinand von Bayern (1859-1949) schickte, ist wahrscheinlich das letzte Dokument, das der König verfasst hat. Darin zeigt sich Ludwig II. bestürzt und verärgert über die "schändliche Verschwörung", hinter der er Prinz Luitpold vermutet. Den Zweck der Delegation missversteht Ludwig - ihm ist zwar bewusst, dass man ihn nach Linderhof bringen wollte "offenbar u. mich dort gefangen zu halten, u. Gott weiß was wohl zu thun, Abdankung zu ertrotzen" - dass man ihn absetzen wollte, scheint ihm jedoch nicht bewusst gewesen zu sein.
Der Brief belegt, dass Ludwig zu diesem Zeitpunkt bei klarem Verstand war. Seine Lage scheint er aber, wie schon in den Monaten zuvor, nicht richtig begriffen zu haben.
Friedrich Röhrer-Ertl