KulturErben. Historisches Festspiel „Kinderzeche“ zu Dinkelsbühl

Die "Kinderzeche" zu Dinkelsbühl kombiniert ein 1629 erstmals erwähntes Schulfest mit einem 1897 geschaffenen Festspiel über die Belagerung der Stadt (1632, mit historisch belegter kampfloser Übergabe) während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Die Feierlichkeiten Mitte Juli dauern zehn Tage, an denen das Festspiel sieben Mal aufgeführt wird. Dazu gehören Tänze der Kinder und der Zunfttanzgruppe, von Freitag bis Mittwoch ein Volksfest, vier Festzüge und zum Schluss ein großer Zapfenstreich. Am "Tag der Kinder" erhalten alle teilnehmenden Kinder eine "Kinderzech-Gucke" – eine Tüte mit Süßigkeiten. Dies erinnert an frühere Festformen der Kinderzeche, bei der die Kinder in Dinkelsbühl das Ende des Schuljahrs mit einem Ausflug in ein Wirtshaus vor der Stadt feierten, wo sie von der Stadt zum "Zechen" eingeladen wurden, das heißt zum Essen und Trinken.

Die Dinkelsbühler Kinderzeche geht auf vorreformatorische Schulbräuche zurück. Aus der Schulzeche für die katholischen Lateinschüler entwickelte sich die katholische Kinderzeche, die 1629 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Nachdem 1649 eine bikonfessionelle Ratsverfassung entstanden war, wurde 1652 eine evangelische Schule gegründet und 1654 auch eine eigene Kinderzeche abgehalten. Beide Feste wurden bis ins 19. Jahrhundert getrennt voneinander im Abstand von einer Woche gefeiert, wobei sich das evangelische Fest immer mehr zum Stadtfest ausweitete. Die katholische Kinderzeche gab es 1815 zum letzten Mal. Im Zeitalter des Historismus im ausgehenden 19. Jahrhundert kam zum Schulfest ein Festspiel hinzu, das von der sagenhaften Aufhebung der schwedischen Belagerung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg durch kindliche Friedensdiplomatie handelt. Erzählt wird die Geschichte der Türmerstochter Lore, der "Kinderlore", der es zusammen mit einer Kinderschar gelingt, die Herzen der schwedischen Belagerer zu erweichen, die daraufhin die Stadt verschonen.

Die konfessionelle Trennung spielt heute keine Rolle mehr. Die Kinderzeche spricht alle Schülerinnen und Schüler Dinkelsbühls an und spielt eine wichtige Rolle für das regionale Selbstbewusstsein der Stadt. Seit 2002 kümmert sich der "Verein Brauchtumspflege Dinkelsbühl e.V." um die Organisation und Durchführung des Festspiels und um die Weitergabe des Wissens um das Fest an den Nachwuchs. Seit 2009 gibt es ein Museum "Kinderzech-Zeughaus", 2013 wurde außerdem eine rechtsfähige öffentliche "Stiftung zur Pflege des Brauchtums in Dinkelsbühl" errichtet.

Zur Ausstellungseinheit: KulturErben gemeinschaftlich gestalten

Weitere Informationen: https://www.ike.bayern.de/verzeichnis/000232/index.html

>> Diese Sammlung ist ein Teil des Bestandes "KulturErben. Das Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes" des "Institut für Volkskunde der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften"