KulturErben lernen, können, vermitteln

Immaterielles Kulturerbe ist nichts, was man ohne Weiteres in eine Vitrine oder auf ein Podest stellen könnte – es existiert nur, indem es getan wird. Sei es in Form von Bräuchen und Festen, als darstellende Kunst oder traditionelle Handwerkstechnik, entscheidend sind das Wissen und Können, das erlernt, angeeignet und vermittelt werden muss. Das geschieht etwa durch das Erproben beim handwerklichen Arbeiten, das Üben und häufige Praktizieren von Musik und Tanz oder das Mitmachen bei Festen. Teilweise erfolgt die Weitergabe durch eine Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, oft genug durch das regelmäßige Teilnehmen an Kursen oder Vorträgen.

Hier wird auch vom "impliziten Wissen" gesprochen, das man sich durch Erleben oder Mitmachen aneignet. Einzelne Menschen haben sich solches Wissen erworben, aber für die Weitergabe braucht es eine Gruppe und das gemeinsame Handeln. In den Trägergruppen von Bräuchen und Festen, Spielen oder im Handwerk gibt es auch immer wieder herausragende Personen, die sich besonders um die Inhalte bemühen, Erfahrungen sammeln und damit oft genug "den Ton angeben".

Ein Gefühl entwickeln: die Liebe zum Material und das Drechseln

Wie meistert man die Herausforderungen eines Fachs? Durch üben, üben und nochmals üben. Die Kenntnis von Materialien, Werkzeugen und Arbeitsschritten ist eine notwendige Basis für die Arbeit. Entscheidend ist aber das Gefühl für Tätigkeit und Werkstück, das die KulturErben entwickeln müssen, das Gespür für den richtigen Moment, die passende Zusammenstellung oder die richtige Kraftanwendung.

Beim Drechslerhandwerk gehört zum immateriellen Kulturerbe neben dem Wissen zu den nötigen Arbeitsschritten und den richtigen Werkzeugen die Kenntnis der verschiedenen Holzarten und Werkstoffe oder haltbarer Verbindungstechniken. Aber auch Wissen über die Geschichte des Drechselns oder die zahlreichen Anwendungsgebiete machen die Könner aus.

Gespielt, gesungen und getanzt: der Zwiefache, dreifach

Beim Zwiefachen wird auf dreierlei Weise Wissen und Können weitergegeben: Die bayerisch-böhmische Musikgattung wird musiziert, getanzt und gesungen. Das Besondere daran ist der unregelmäßige Taktwechsel zwischen Dreivierteltakt (Walzer) und Zweivierteltakt (Dreher). Die Mitwirkenden sind ebenso dreifach gefordert: Instrumente und Gesang wollen beherrscht sein und die Tanzschritte dazu passen – ohne sich gegenseitig auf die Füße zu treten.

Die Musik-, Tanz- und Gesangsgruppen rund um den Zwiefachen sind Teil einer eher lose organisierten Musikszene. Das Interesse der Musik- und Tanzbegeisterten am Zwiefachen zwischen Wiedergabe und Neuerfindungen ist groß. Freude an Musik und Tanz werden in Seminaren und Veranstaltungen praktisch weitergegeben – schriftlich wird das Wissen der Trägergruppen um den Zwiefachen auch mit neu aufgelegten Notenbüchern dokumentiert.

Durst nach Wissen: die Nürnberger Naturhistorische Gesellschaft

Die Nürnberger Naturhistorische Gesellschaft entstand aus den bürgerlichen Wissensgesellschaften der Spätaufklärung. Im späteren 19. Jahrhundert öffnete sie sich zunehmend breiteren Bevölkerungskreisen und fand ihren Platz um die Wende zum 20. Jahrhundert in der Volksbildungsbewegung. Das bürgerwissenschaftliche Erbe, heute spricht man gerne auch von "citizen science", besteht in der Zusammenarbeit von Fachleuten und Laien.

Die Vermittlung von Fachwissen, aber auch die Pflege der umfangreichen Archive und Sammlungen sowie des Terrariums stehen im Mittelpunkt der ehrenamtlichen Aktivitäten. Neben Vorträgen und Führungen sind es die Arbeit an Objekten, Exkursionen und eigene Grabungen, über die naturwissenschaftliches, kulturwissenschaftliches und praktisches Wissen angeeignet und weitergegeben werden.

Zur letzten Ruhe: Nürnberger Epitaphienkultur

Eine Besonderheit der Nürnberger Friedhöfe St. Johannis und St. Rochus sind die zahlreichen Epitaphien (Grabdenkmäler). Sie besitzen einen hohen kunsthandwerklichen Wert. Als Teil einer besonderen Nürnberger Trauer- und Bestattungskultur finden sich dort in Bronze oder Messing gegossene Gedenktafeln für Verstorbene. Das Wissen über deren Biografien, über Hauszeichen, Arbeitsgeräte aus deren Leben oder christliche Symbole ist wichtiger Bestandteil bei der individuellen Gestaltung der Reliefs. Dabei finden auch Arbeitstechniken Anwendung, die für die Restaurierung historischer Tafeln geeignet sind.

Böller und Echo im Berchtesgadener Land: die Weihnachtsschützen

Wenn im Berchtesgadener Land zur Weihnachtszeit die Salven, Einzel- und Schnellfeuer der 17 Vereine zu hören und zu sehen sind, dann speist sich die Szenerie aus dem Ineinandergreifen von ganz unterschiedlichem Wissen und Können. Dazu gehören der verantwortungsvolle Umgang mit Böller und Schießpulver, die Kenntnis der Zeiten und des richtigen Standplatzes, um das Echo im Talkessel auszunutzen. Innerhalb der Schützenfamilien und -vereine wird das Wissen über die Choreographien weitergegeben.

Die aus Eisen und Nussbaumholz gefertigten Vorderladerwaffen, die nur zum Salutschuss geeignet sind, stehen als materielle Werkzeuge im Zentrum des immateriellen Brauchs. Die Böllermacher der Region pflegen das handwerkliche Wissen zur Herstellung der Waffen. So verweben sich die verschiedenen Wissensbestände und das gemeinschaftliche Schießen.

Die Stadt retten, immer wieder: der Meistertrunk zu Rothenburg ob der Tauber

Beim jährlichen historischen Schauspiel "Der Meistertrunk" greifen ganz unterschiedliche Formen des Erben-Lernens ineinander. Was auf der Bühne spielerisch aussieht, bedeutet für die über einhundert Laiendarstellerinnen und -darsteller, die Texte zu lernen und die Inszenierung zu verinnerlichen. Daneben schlüpfen über 800 Teilnehmende des historischen Heereszugs in die Rollen, die sie während des Festspielwochenendes einnehmen. Gemeinsam mit der Bürgerschaft geben sie ihre Erzählung von der Stadterrettung während des Dreißigjährigen Kriegs weiter.

Geschmacksvielfalt: Bayerische Brautradition nach dem Reinheitsgebot

Die Kunst der Bierbrauerinnen und -brauer besteht darin, aus den vier Grundzutaten Wasser, Malz, Hopfen und Hefe eine Vielzahl an Sorten und Geschmäckern zu produzieren. Das Wissen und Können über Zutaten, das Brauen und die Lagerung sowie den Ausschank ist eng an die KulturErben gebunden, die ihre eigene "Handschrift" entwickeln.

Zur Ausstellungseinheit: KulturErben weiterdenken