KulturErben weiterdenken

Das UNESCO-Übereinkommen, die Bewerbungsverfahren und die verschiedenen Verzeichnisse des immateriellen Kulturerbes zielen darauf, das Bewusstsein und die Wertschätzung für die kulturellen Ausdrucksformen zu fördern – sowohl innerhalb der Trägergruppen als auch darüber hinaus. Doch wie verändert die Auszeichnung als Kulturerbe die Wahrnehmung der Praktiken?

Manche Gemeinschaften bekommen mehr Aufmerksamkeit und neue Ressourcen zur Erhaltung, andere haben plötzlich sogar zu viel davon, werden von Interessierten förmlich überrannt und erkennen sich dabei selbst kaum mehr wieder. In manchen Gemeinschaften möchte man den Titel "immaterielles Kulturerbe" nutzen, um "alles beim Alten" belassen zu können, anderen ist er Ansporn, das vielleicht neu gewonnene Wissen über die eigene Geschichte und Bedeutung zu nutzen, um das eigene Kulturerbe weiterzuentwickeln. Welche Ideen und welches vorausschauende Handeln folgen daraus? Und was wird bisher in der Öffentlichkeit noch kaum wahrgenommen und ist doch immaterielles Kulturerbe?

Schreitroboter "Tradinno": der Drachenstich zu Furth im Wald

Im oberpfälzischen Furth im Wald dreht sich alles um den Drachenstich. Die jährliche Inszenierung ist auf vielfältige Weise bedeutsam für die Stadt. Allein während der Aufführungen besuchten zuletzt rund 20.000 Gäste die Stadt. Das Drachensticherbe dient aber auch der Identitätsbildung: Man nennt sich selbst "Drachenstichstadt", Gäste "machen Urlaub beim Drachen" und es gibt eine Drachenstich-Briefmarke der Deutschen Post.

Zentrale Figur der Geschichte vom immerwährenden Kampf des Guten gegen das Böse, ist der seit 2010 neu entwickelte Drache "Tradinno", vor Ort auch liebevoll "Fanny" genannt. Der in der Oberpfalz hergestellte "weltweit größte Schreitroboter" verkörpert auch außerhalb der Festspieldramaturgie die Ingenieurskunst der Region. Hier verbindet sich historische Festspieltradition mit modernster Technik.

Zusammenkommen: Sennfelder und Gochsheimer Friedensfest

Die Friedensfeste in Sennfeld und Gochsheim berufen sich auf die Wiedererlangung der Religionsfreiheit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Beide Feste, die zeitgleich und lediglich 2,5 km voneinander entfernt stattfinden, sind als Friedens- und Kirchweihfeste entstanden, bei denen der Plantanz (der "Plan" ist der zentrale Platz in den Orten) und der Planbaum im Zentrum stehen.

Während in Sennfeld großer Wert auf das Tragen einer fränkischen Festtagstracht gelegt wird, ist in Gochsheim der Plankuchen zentrales Festelement. In Sennfeld wird eher Bier, in Gochsheim eher Wein ausgeschenkt. So bleibt bei aller Ähnlichkeit doch immer auch die individuelle Erkennbarkeit erhalten. Die Zukunft verkörpert das seit 1999 gemeinsam gefeierte Grenzsteinfest.

Ein Baum für die Zukunft: die Limmersdorfer Lindenkerwa

Ohne Linde keine Lindenkirchweih – im Zentrum steht fest der im 17. Jahrhundert gepflanzte Baum. In ihre Krone wurde ein Tanzboden gebaut, auf dem getanzt und gefeiert wird. Baumpflegerisches Wissen, das Können des Tanzbodenbaus, die Regeln des Plantanzes und die Einbettung in die gemeinschaftlichen Kirchweihfeierlichkeiten – all dies hängt vom gesunden Weiterbestehen der botanischen Protagonistin des Kulturerbes ab, die zuletzt 2014 umfassend saniert worden ist.

Der weitere Blick in die Zukunft erfolgte bereits 1990, als eine Nachwuchstanzlinde in der Nähe gepflanzt wurde. Ihre Äste werden bereits seit einigen Jahren mittels einer Holzkonstruktion in die Breite geführt, damit man später einen neuen Tanzboden darauf bauen kann. Aber schon jetzt wird der neue Baum in die Kirchweihfeierlichkeiten einbezogen.

Materielles und Immaterielles: Gärtnern in Bamberg

In der historischen Stadtlandschaft Bambergs wird sichtbar, wie immaterielles und materielles Kulturerbe miteinander verwoben sind. Seit 1993 ist das architektonische Altstadtensemble als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet. Eine lokale Besonderheit sind die Gärten auf Stadtgrund, die seit dem 14. Jahrhundert zur Nah- und Fernversorgung genutzt werden. Wissen und Können der gärtnernden Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner sind elementare Bestandteile des Gesamterbes aus Stein und Grün.

Das Welterbezentrum Bamberg macht die Landschafts- und Bewirtschaftungsbezüge des Gesamterbes über die Trias "Gärtnerstadt - Inselstadt - Bergstadt" vorstellbar. Damit verbinden sich historisches materielles und lebendiges immaterielles Kulturerbe in der Wahrnehmung der Stadt.

Offen für Neues

Die Verzeichnisse des immateriellen Kulturerbes wachsen mit jeder Bewerbungsrunde und machen so die kulturelle Vielfalt beispielhaft sichtbar. Vieles ist in seinem Wert als immaterielles Kulturerbe noch unentdeckt, aber auch manche Trägergruppe fühlt sich vielleicht nicht angesprochen – was sich hoffentlich bald ändert.

Was denken Sie – was soll Bestandteil des Bayerischen Landesverzeichnisses werden? Welche Gruppen und Gemeinschaften in Bayern sollen mit ihren kulturellen Ausdrucksformen sichtbarer werden?

Alle sind eingeladen, das Wissen von und über unser immaterielles Kulturerbe zu erweitern!

Zur Startseite: KulturErben. Immaterielles Kulturerbe in Bayern