Die Vertonung des blauen Kunigundenmantels

Die Umschriften der Medaillons auf dem blauen Kunigundenmantel sind eine Besonderheit. Es sind die Textanfänge liturgischer Gesänge, wie sie beispielsweise im Bamberger Dom beim täglichen Stundengebet gesungen wurden. Damit ist der blaue Kunigundenmantel gestickter Gesang, die Bitte und Hoffnung, dass Christus am Ende der Zeiten als gerechter Richter kommen möge.

Eine Auswahl der Gesänge – Antiphonen und Responsorien – wurde nun gemäß der Aufführungspraxis des 11. Jahrhunderts vom Vokalensemble Stella Nostra eingesungen. Sie umfasst die zentrale Rückendarstellung sowie je zwei Beispiele aus dem Advents- und Weihnachtsfestkreis sowie dem Prophetenzyklus.

Das Ensemble besteht aus drei Sängerinnen. Bei den Antiphonen singt jeweils eine der Sängerinnen solistisch die 1. Hälfte des Psalmverses, auf die alle drei Sängerinnen chorisch mit der 2. Hälfte antworten, gefolgt von der kleinen Doxologie.

Bei den Responsorien folgt auf den ersten chorischen Teil ein Vers, der solistisch gesungen wird. Danach wird ein Abschnitt des ersten Gesanges – die Repetenda – von allen Sängerinnen wiederholt. Nach der solistisch auf die Melodie des Verses gesungenen Doxologie folgt wiederum die chorische Repetenda.

Der blaue Kunigundenmantel entstand um das Jahr 1014 im Umfeld Kaiser Heinrichs II. (973-1024, reg. 1014-1024). Um die Gesänge zu interpretieren, war es nötig, Musikhandschriften zu finden, welche jener Zeit und jenem Wirkungskreis am nächsten kommen. Ein Antiphonar (Nationalbibliothek Wien, Cod. 1890), das um 1200 in Süddeutschland entstanden ist, entspricht – wenn auch fast 200 Jahre später – in der konkreten Schreibung der Textanfänge und in der Kombination der Feste dem Mantel am besten.

Die Musik ist dort in linienlosen Neumen notiert. Es sind also keine Tonhöhen angegeben, wohl aber Melodiebewegungen und Verzierungen. In der damals stark mündlich geprägten Kultur genügte diese Notierung durchaus, um dem Gedächtnis für das Singen aufzuhelfen.

Um die Tonhöhen zu eruieren, war es nötig, verschiedenste später entstandene Vergleichshandschriften mit Neumen auf Linien heranzuziehen und im Vergleich die bestmögliche Annäherung an die Aussagen der Neumen in der Wiener Handschrift zu finden. Das Ensemble hat sich so die Gesänge nach und nach erarbeitet und nach den linienlosen Neumen gesungen.

Tanja Kohwagner-Nikolai / Ellen Hünigen