KulturErben. Passagierfloßfahrten auf Isar und Loisach vom Oberland nach München

Drei Wolfratshauser Flößerfamilien (teils in vierter Generation) betreiben heute Vergnügungsfloßfahrten auf Isar und Loisach nach München. Zur Flößerei gehört Wissen über die Materialien (gleich dicke Fichtenstämme, deren Stapeln und Trocknen) ebenso wie handwerkliches Können beim Floßbau mit Drahtschlingen und Eisenkeilen, für Ruder und Rudersäulen. Das Floßfahren wiederum erfordert Kenntnisse über die Beschaffenheit der Flüsse, deren Infrastrukturen sowie über Leben und Kulturlandschaften entlang von Wasserwegen.

Seit dem Mittelalter dienten Flöße im südbayerischen Oberland neben dem Holz-, Waren- und Viehtransport auch der regelmäßigen Beförderung von Personen, die auf einem Floß mit einer beachtlichen Geschwindigkeit reisen konnten. Erste Passagierfloßfahrten sind für 1310/12 im Ratssatzungsbuch der Stadt München erwähnt. Nachweislich nahmen ab dem 15. Jahrhundert auch Mitglieder der Wittelsbacher Herrscherfamilie als Passagiere die Dienste der Isarwinkler Flößer in Anspruch. 1581 ist erstmals ein wöchentlich verkehrendes und gegen Entgelt nutzbares Floß nach München verzeichnet. Auf einen kurfürstlichen Erlass von 1623 hin waren bis in das 19. Jahrhundert sogenannte regelmäßige "Ordinari-Flöße" zum Personentransport nach Wien unterwegs, manche Fernflöße fuhren bis Budapest. Mit der Isartalbahn ab 1891 bekam die Personenflößerei auch touristische Bedeutung. Ab den späten 1920er-Jahren verdrängte der Eisenbahntransport die Frachtflößerei und der Einbau von Schleusen und Wasserkraftwerken veränderte die Flussläufe. Schließlich wurde nur noch zum Vergnügen Floß gefahren. In der Zeit des Nationalsozialismus standen Floßfahrten auf dem "Kraft durch Freude"-Programm. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Ausflugsfahrten mit dem Floß zunächst für in Bad Tölz stationierte US-Soldaten attraktiv, nach den Olympischen Sommerspielen in München (1972) entwickelten sich Floßfahrten zu einem Element moderner Betriebsausflugs- und Freizeitkultur.

Zum Führen eines Floßes sind mindestens zwei Flößer notwendig. Die Flöße mit bis zu 60 Passagieren starten heute in Wolfratshausen und erreichen nach etwa sieben Stunden Fahrzeit die Zentrallände in München-Thalkirchen. Dort werden sie zerlegt und die Baumstämme per Tieflader nach Wolfratshausen retourniert, wo sie für die nächste Fahrt wieder zusammengebaut werden. Jährlich finden rund 650 Fahrten mit Passagierflößen nach München statt. Die Saison dauert von Mai bis September; begleitend gibt es Feste und Bräuche wie beispielsweise die in der Dunkelheit stattfindende Johanniprozession, bei der Leuchtfeuer und Fackeln Ufer und Flöße erhellen.

Weitere Informationen: https://www.ike.bayern.de/verzeichnis/000344/index.html

>> Diese Sammlung ist ein Teil des Bestandes "KulturErben. Das Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes" des "Institut für Volkskunde der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften"