KulturErben. Tänzelfest Kaufbeuren

Jedes Jahr im Juli führen beim Tänzelfest in Kaufbeuren im Ostallgäu fast 2.000 Kinder in historisierenden Gewändern Episoden der Stadtgeschichte auf, die von der Karolingerzeit des 8. Jahrhunderts bis zur Biedermeierzeit des 19. Jahrhunderts reichen. Das zwölftägige Fest beginnt mit einem ökumenischen Gottesdienst und endet mit einem Feuerwerk. Als Höhepunkt der Feierlichkeiten gilt der von Kindern und Jugendlichen nachgestellte Einzug Kaiser Maximilians I. (1508-1519, geb. 1459) in die Stadt. Weitere Programmpunkte sind Aufführungen von Zunfttänzen, das Adlerschießen der Tänzelfestbuben, der Zapfenstreich der Knabenkapelle sowie ein Kinder-Wochenmarkt. Seit 1989 sind ein "Historisches Lagerleben" und ein Mittelaltermarkt Bestandteile des Festes. Der 1947 gegründete Tänzelfestverein organisiert die Festtage.

Für die Entstehung des Tänzelfestes sind zwei Traditionsstränge wichtig. Es kann zum einen auf die Feste der Handwerkerzünfte im Umfeld der "Dinzeltage" (Versammlungs- und Gerichtstage) zurückgeführt werden, die seit 1557 schriftlich belegt sind. Zum anderen spielen Feste zum Abschluss des Schuljahres eine Rolle, mit Tänzen und Spielen für die Schulkinder, die erstmals 1567 erwähnt sind. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde aus den beiden nebeneinander bestehenden Traditionen ein einziges Fest. Eine retrospektive umfassende Schilderung des Tänzelfestes verfasste auf Veranlassung des Stadtkommissars von Weber der Lehrer Johann Georg Steudle (1763-1841) im Jahr 1805. Seiner Beschreibung nach liefen in einem Zug zuerst die Knaben teils militärisch, teils bürgerlich gekleidet und anschließend die Mädchen in festlichen Kleidern, begleitet von Musik, durch die Straßen und zogen dann ins "Tänzelhölzle", ein nahegelegenes Wäldchen, um zu spielen und zu tanzen. Im 19. Jahrhundert erfolgte eine Historisierung des Festes, indem man sich auf eine Gründungslegende berief, der zufolge der spätere Kaiser Maximilian I. das Fest 1497 während eines Aufenthalts in Kaufbeuren gestiftet haben soll.

Bis 1919 war das Tänzelfest der evangelischen Bevölkerung Kaufbeurens vorbehalten, später durften auch Katholiken mitwirken. Die Nationalsozialisten instrumentalisierten das Fest und nahmen beispielsweise Aufmärsche der SA in das Festprogramm auf. Im Jahr 1937 ließen die Nationalsozialisten das "Tänzelhölzle" für den Bau eines Fliegerhorstes roden und das Fest verlor seinen überlieferten Platz; während des Zweiten Weltkriegs fiel es ganz aus. Seit 1947 werden die Tänzeltage mit der neuen Leitidee begangen, dass Kinder die Geschichte ihrer Stadt nachspielen.

Weitere Informationen: https://www.ike.bayern.de/verzeichnis/000346/index.html

>> Diese Sammlung ist ein Teil des Bestandes "KulturErben. Das Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes" des "Institut für Volkskunde der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften"