Die Beziehung zwischen dem Kollegiatstift und der Stadt Aschaffenburg

Das Mitte des 10. Jahrhunderts neugegründete Stift stellte einen Anziehungspunkt für Handwerker und Kaufleute dar, die sich in Aschaffenburg niederließen und die Nachfrage der vermögenden Kanoniker bedienten. So wurde der Ort bald ein wirtschaftliches und religiöses Zentrum, welches unter der Herrschaft der Mainzer Erzbischöfe und vor allem seit dem Hochmittelalter zunehmend urbane Strukturen entwickelte. Wichtige Stationen dieses Prozesses waren etwa der Bau einer neuen Mainbrücke bereits während der Regierungszeit des Erzbischofs Willigis (um 940-1011, Erzbischof ab 975) sowie die Errichtung und der Ausbau der Befestigungsanlagen im 12. Jahrhundert. Ende desselben Jahrhunderts wurde Aschaffenburg schließlich das Stadtrecht verliehen (eine Urkunde ist nicht erhalten). Bereits für das Jahr 1144 lässt sich ein Markt (forum) urkundlich nachweisen, der sich auf dem heutigen Stiftsplatz befand.

Der Hauptmarkt, der aufgrund des erhobenen Stand- und Marktgeldes eine wichtige Einnahmequelle darstellte, war in zwei Hälften eingeteilt, von denen die eine dem Stift, die andere der Stadt gehörte. Diese Zweiteilung führte dazu, dass es im Laufe des Mittelalters und darüber hinaus immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den beiden Parteien kam. So beschwerte sich etwa 1526 die Bürgerschaft beim Erzbischof darüber, dass das Stift bei der Verleihung seiner Stände auswärtige Händler und Kaufleute den einheimischen vorziehen würde (Liber V. camerae, fol. 10-11).

Der Markt ist nur eines von vielen Beispielen, in denen sich die oft ambivalente Beziehung zwischen Kollegiatstift und Stadt sowie die Rolle des erzbischöflichen Stadtherrn als Vermittlungsinstanz widerspiegelt. Zwar wurde einerseits die wirtschaftliche Entwicklung Aschaffenburgs durch die ökonomische, finanzielle und kulturelle Stellung des Stifts stark begünstigt, andererseits führten jedoch die damit einhergehenden wachsenden Emanzipationsbestrebungen der Stadtgemeinde immer wieder zu Konflikten mit den Kanonikern.