Jüdisches Unternehmertum in Bayerisch-Schwaben
Die jüdische Bevölkerung Bayerisch-Schwabens – prägende Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft
Die jüdische Bevölkerung prägte das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in Schwaben seit jeher maßgeblich mit. Über die Jahrhunderte hatte sich für sie der Handel als wichtigstes Berufsfeld herausgebildet. Als Kaufleute, Geldverleiher, Hausierer und Makler spielten die auf dem Land lebenden Juden eine wichtige Rolle bei der Verteilung der Warenströme zwischen Stadt und Land.
Keine freie Berufswahl: Handel und Geldgeschäft als vorrangiges Tätigkeitsfeld der jüdischen Bevölkerung
Vor dem Bayerischen Judenedikt (1813) existierte keine einheitliche Gesetzesregelung für Jüdinnen und Juden in den Städten, Dörfern und Marktgemeinden. In vielen Herrschaftsgebieten galt das System des 'Schutzjudentums', durch das sich Juden unter dem Schutz eines Herrschers in bestimmten Gebieten ansiedeln durften. Im Gegenzug mussten sie dafür hohe Abgaben an die Landesherren leisten. Hinter diesem System verbargen sich jedoch regional unterschiedliche Lebensrealitäten.
Durch die vom Staat auferlegten beruflichen Restriktionen waren die jüdischen Einwohner gezwungen, auf solche Berufe auszuweichen, deren Ausübung ihnen erlaubt war. Hierzu zählten vorrangig der Handel mit Vieh und Waren sowie das Geld- und Kreditgeschäft. Dies lag darin begründet, dass der Zugang zu Handwerksberufen, die sich zu christlich geprägten Zünften zusammengeschlossen hatten, der jüdischen Bevölkerung ebenso verwehrt war, wie die Landwirtschaft mit ihrem christlichen Eid.
Die Aufhebung des Bayerischen Judenedikts (1813) im Jahr 1861 und die rechtliche Gleichstellung im Jahr 1871
Als 1861 der Matrikelparagraf des Judenedikts von 1813 aufgehoben wurde, der bis dahin eine bestimmte Anzahl von jüdischen Haushalten an einem Ort festgelegt hatte, durften Juden ihren Wohnort frei wählen. Dies führte zu ihrer Abwanderung aus kleineren Dörfern in die nächstgrößeren Städte. Mit der rechtlichen Gleichstellung durch das Reichsgesetz 1871 besserte sich auch ihre berufliche und wirtschaftliche Situation.
Der Textilhandel und das Konfektionsgewerbe als neue Berufsfelder
Im 19. Jahrhundert entwickelten sich durch die voranschreitende Industrialisierung Textilgewerbe und -handel zu weiteren bedeutenden Berufsfeldern für die jüdische Bevölkerung. Zudem gründeten jüdische Händler und Kaufleute eine Vielzahl von Kaufhäusern und Fabriken zur Produktion unterschiedlichster Waren. Die jahrhundertelang fortgeführte Handelstradition erwies sich schließlich als optimale Vorbereitung auf die Anforderungen der modernen Industriegesellschaft.
Die Bedeutung von Firmen- und Geschäftsgründungen jüdischer Unternehmer und Unternehmerinnen für Fortschritt, Modernität und wirtschaftlichen Aufschwung
Viele Orte und Städte in Bayerisch-Schwaben haben ihren wirtschaftlichen Aufschwung im 19. Jahrhundert den Handelsbetrieben und Unternehmen zu verdanken, die von jüdischen Inhabern und Inhaberinnen gegründet und geführt wurden. Somit trugen Letztere zum wirtschaftlichen Erfolg sowie zur Modernisierung der gesamten Region entscheidend bei.
Eine Eisenbahn für Harburg
Tatsächlich waren es jüdische Kaufleute in Harburg (Lkr. Donau-Ries), zuvörderst die Familie Nebel, welche 1848 die Linienführung der Eisenbahn über Harburg durchsetzten. Dies hatte zur Folge, dass am neuen Harburger Bahnhof die Märker’schen Kalk und Zementwerke entstanden, die Harburg zu einem Industriestandort machten.
"Klein-Paris" in Mönchsdeggingen
Um 1900 waren jüdische Kaufleute sowohl am Bau der Lokalbahn von Mertingen nach Wertingen als auch an der Herstellung und Vernetzung der Wasserleitung im Ort beteiligt. Aufgrund seiner Betriebsamkeit und seines Unternehmergeistes erhielt der Ort im Volksmund den Namen "Klein-Paris".
Krumbach-Hürben
Nicht nur das Nördlinger Ries, sondern auch Krumbach-Hürben und die gesamte benachbarte Region um Memmingen, Fellheim, Altenstadt, Osterberg und Kempten profitierten im Laufe des 19. Jahrhunderts erheblich von Geschäften, Betrieben und Fabriken jüdischer Unternehmer.
Tatsächlich verlieh Prinzregent Ludwig (reg. 1913-1918 als Ludwig III., König von Bayern) 1913 Ichenhausen das Stadtrecht aufgrund dessen wirtschaftlichen Erfolges im Handels- und Textilgewerbe, der vornehmlich auf jüdische Betriebe zurückzuführen war.
Unternehmen von überregionaler, nationaler und internationaler Bedeutung
Aus Bayerisch-Schwaben stammen jüdische Unternehmer, Unternehmerinnen sowie ganze Unternehmerfamilien von überregionaler Bedeutung: Textilhändler und Textilfabrikanten wie beispielsweise Michael Sulzer und Ulrich Rosskamm aus Ichenhausen; Moses Samuel Landauer und Simon Landauer aus Krumbach-Hürben; die Viehhändlerfamilien Einstein aus Kriegshaber (Augsburg) und Nebel aus Harburg; das Bankhaus Ullmann in Kempten und das Bankhaus Weiskopf in Krumbach-Hürben, die jeweils von den gleichnamigen Unternehmerfamilien gegründet wurden; außerdem die bekannte Unternehmerfamilie Binswanger mit ihrer in Osterberg gegründeten Likör- und Essigfabrik Jacob Binswanger & Cie.
Enteignung und erzwungener Verkauf der Unternehmen durch das NS-Regime
All diese von jüdischen Inhabern betriebenen Unternehmen waren seit 1933 von den wirtschaftlichen Restriktionen der Nationalsozialisten betroffen, die zu einschneidenden Umsatzrückgängen führten. Spätestens bis 1939 wurden die Unternehmen durch die Nationalsozialisten enteignet und mussten unter Zwang verkauft werden.
Themen der Ausstellung
Diese Ausstellung soll anhand ausgewählter Objekte zeigen, wie maßgebend Unternehmer und Unternehmerinnen jüdischer Herkunft das wirtschaftliche Leben in Bayerisch-Schwaben und darüber hinaus bestimmt und gestaltet haben. Die vier gewählten Themenbereiche "Textilfabriken und Textilhandel", "Viehhandel", "Warenhandel und Kaufhäuser" sowie "Bankhäuser" spiegeln wider, in welchen Bereichen Personen jüdischer Herkunft vornehmlich tätig waren.
Am Beispiel von Ichenhausen und Krumbach werden Objekte aus den Bereichen Textilfabriken und Textilhandel gezeigt. Ein weiterer Schwerpunkt thematisiert den Viehhandel am Beispiel der Familie Einstein aus Kriegshaber (Augsburg) sowie der Familie Nebel (Harburg). Zum Warenhandel werden verschiedene Kaufhäuser vorgestellt, die von jüdischen Unternehmern geführt wurden. Das Thema Bankwesen veranschaulichen schließlich Objekte aus den Orten Kempten und Krumbach-Hürben.
Überlieferte Objekte
Aus dem Leben und Wirken von Unternehmern, Unternehmerinnen sowie Unternehmerfamilien jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft in Bayerisch-Schwaben sind nur wenige Objekte überliefert. Die meisten ihrer Zeugnisse – soweit sie nicht während der NS-Zeit geraubt oder vernichtet wurden – gingen mit in die Emigration und sind heute, wie ihre Nachkommen, weltweit verstreut. Einige ihrer Spuren finden sich noch in Museen, Rathäusern, Archiven, Bibliotheken, Stiftungen oder Privatsammlungen, teilweise auch in den Orten, in denen sie einstmals wirkten.
Zu den überlieferten Objekten gehören vornehmlich Schriftquellen wie etwa Rechnungen, Verträge und Briefe. Hinzu kommen Verpackungen, einige wenige Verkaufsprodukte, Werbematerial, Anzeigen, Fotografien, private Zeugnisse der Unternehmerfamilien sowie noch vorhandene ehemalige Geschäftshäuser und Wohnhäuser.