Kniebeugeerlass (1838)

Auf Wunsch König Ludwigs I. und gemäß Order der Regierung unter Minister Karl von Abel vom 14. August 1838 hatten auch protestantische Soldaten bei militärischen Messen oder liturgischen Zeremonien auf Anweisung niederzuknien und somit dem katholischen Glauben ihre Ehre zu erweisen. Offiziell las sich dies folgendermaßen:

"Seine Majestät der König haben allergnädigst zu beschließen geruht, daß bei militärischen Gottesdiensten während der Wandlung und beim Segen wieder niedergekniet werden soll. Das gleiche hat zu geschehen bei der Fronleichnamsprozession und auf der Wache, wenn das Hochwürdigste vorbeigetragen und an die Mannschaften der Segen gegeben wird. Das Kommando lautet: Aufs Knie!"

Die vormals allgemein übliche 'Kniebeuge' war erst 1803 abgeschafft worden und die Wiedereinführung sollte sich für Ludwig I. zu einem großen Problem entwickeln. Den Protestanten galt das Niederknien vor der Monstranz der Katholiken als Gotteslästerung und führte zu heftigen Diskussionen zwischen Klerikern, Ministern und Abgeordneten. In mehreren Schriften wurde ein Für und Wider des Erlasses erörtert und die verschiedenen Positionen gipfelten in schriftlichen Auseinandersetzungen wie etwa zwischen dem katholischen Kirchenhistoriker Ignaz Döllinger (1799-1890) und dem protestantischen Philologen Friedrich Thiersch (1784-1860).

Ein weiterer Eklat fachte den Streit dann zusätzlich an. Anlässlich der Bestattung von Ludwigs evangelischer Stiefmutter Karoline in der Münchner Theatinerkirche am 18. November 1841 traten die katholischen Geistlichen aus Protest in Zivilkleidung auf und ließen den Trauerzug, dem unter anderem die königliche Familie und König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1795-1840) angehörte, vor der Kirche stoppen. Der Sarg wurde ohne Gebet oder liturgische Ehren im gänzlich ungeschmückten Gotteshaus in die Gruft überführt – ein Affront, nicht nur gegen die Protestanten gerichtet, sondern auch das Königshaus betreffend.

Dieses Ereignis bewegte Ludwig I. stark und wird ihn in der Kniebeuge-Debatte durchaus beeinflusst haben. Über sieben Jahre hinweg sollte der Streit zwischen den Konfessionen schwelen, bevor der Kniebeugeerlass 1844 nach vielen Protesten erst abgemildert und im Dezember 1845 schließlich komplett zurückgenommen wurde. Vergessen wurde diese von Ludwig I. befeuerte Zwietracht der Religionen allerdings nie. Ebenjene königlichen Anordnungen trugen mit dazu bei, dass der Unmut in der Bevölkerung wuchs und wohl auch zur versuchten Abspaltung der mehrheitlich protestantischen Rheinpfalz vom katholischen Bayern in Folge der Märzrevolution 1848 führen sollte.

Manuel Schimansky