Affäre Lola Montez
Langes, schwarzes Haar, olivfarbener Teint, leuchtendblaue Augen – als Lola Montez 1846 zum ersten Mal in München eintraf, erregte sie sofort Aufsehen. Sie war ebenso schön wie schamlos und bereits in mehreren Städten als "Femme fatale" bekannt. Lola wusste, was sie wollte: ein Engagement am Münchner Hoftheater. Nachdem sie bei dessen Direktor auf Misstrauen gestoßen war, weil sie keine Papiere vorweisen konnte, erreichte sie nur wenige Tage später eine Privataudienz beim König.
Der 60-jährige Ludwig, seit jeher ein Bewunderer weiblicher Schönheit, war augenblicklich hingerissen von Lolas Erscheinung. Die südländisch wirkende 25-jährige verstand es, Männer zu umgarnen und erweckte im gealterten König ein jugendliches Lebensgefühl. Begeistert schrieb er an seinen Freund, den Offizier Heinrich von der Tann (1784-1848): "Ich kann mich mit dem Vesuv vergleichen, der für erloschen galt, bis er plötzlich wieder ausbrach".
Eine spanisch-bayerische Romanze
Lola durfte in spanischer Tracht im Hoftheater auftreten. Obwohl ihre Flamencokünste eher moderat anmuteten, begeisterte sie das Publikum und vor allem den König mit ihrer Präsenz. Für seine Schönheitengalerie gab er ihr Porträt beim Hofmaler Joseph Karl Stieler (1781-1858) in Auftrag. Weitere Treffen folgten, in denen Lola und der König einander näher kennenlernten. Die beiden verständigten sich auf Spanisch, das Ludwig weitaus besser beherrschte als sie. Hingerissen von ihren Reizen lauschte er ihrer blumigen Lebensgeschichte: Sie gab sich als Spross einer verarmten spanischen Adelsfamilie aus und machte sich um einige Jahre jünger, als sie war. Geboren in Sevilla, sei sie ganz auf sich allein gestellt und müsse sich ihren Lebensunterhalt durch Tanzen verdienen. Vollmundig nannte sie sich "Maria de los Dolores Porrys e Montez". Ludwig glaubte ihr.
Die Presse fand bald ihren richtigen Namen heraus: Elizabeth Rosanna Gilbert, geboren 1821 in Irland. Die Tochter eines schottischen Offiziers und einer Irin war 16-jährig mit einem englischen Offizier durchgebrannt und hatte sich wenig später von ihm scheiden lassen. Ihr abenteuerliches Leben voller Affären und Skandale führte sie über England, Spanien, Russland, Polen und Frankreich schließlich nach München. In manchen Orten wurde sie sogar polizeilich gesucht.
Der König, allen Anfeindungen gegenüber taub, lebte mit Lola Montez eine hochromantische Beziehung, die weniger auf Sexualität als auf Ritterlichkeit und Liebesschwüren basierte. Er erhob die "Andalusierin", wie er sie nannte, zu einem Idealbild, schrieb ihr liebesglühende Gedichte, überhäufte sie mit Komplimenten und Geschenken und bedachte sie überaus großzügig in seinem Testament.
Ludwig verrennt sich
So liebreizend und treu sie dem König erschien, so wenig stieß Lola bei der Münchner Gesellschaft auf Gegenliebe. Als er ihr eine Villa in der Barer Straße 7 in München schenkte und für ihren äußerst verschwenderischen Lebenswandel aufkam, ging ein empörter Aufschrei durch die Bevölkerung. Auch dem konservativen Ministerium unter Karl von Abel war nicht entgangen, dass die neue Freundin des Königs immer größeren Einfluss auf ihn ausübte und sich in dessen Staatsgeschäfte einmischte. Eine spöttische Karikatur setzt sich mit diesem Thema auseinander: Die Lithografie zeigt eine Kombination von Ludwig I. und Lola Montez am Rednerpult.
Königin Therese, die bisher verletzt geschwiegen hatte, wurde durch die Affäre ihres Gemahls immer öfter brüskiert. Er zeigte sich in aller Öffentlichkeit mit seiner Mätresse, die sich nicht an die Regeln der Etikette hielt. So duzte sie den König und unterließ es, sich in dessen Anwesenheit zu erheben. Proteste wurden laut, doch Ludwig I. ließ jegliche Kritik abprallen. Er verlieh vielmehr seiner Geliebten – gegen die verzweifelte Opposition seiner Minister – die bayerische Staatsbürgerschaft und erhob sie in den Adelsstand. An seinem 61. Geburtstag, dem 25. August 1847, wurde die vermeintliche Spanierin per Adelsbrief zur Gräfin Landsfeld erklärt. Zweimal musste das Kabinett ausgetauscht werden, bis er in dieser Sache seinen Willen durchsetzen konnte. Das Verhalten des Königs erstaunt umso mehr vor dem Hintergrund der drohenden Umwälzungen revolutionärer Freiheitsbestrebungen. Freilich fühlte Ludwig sich als Monarch im Recht – er wollte sich nicht vorschreiben lassen, was er zu tun und zu lassen habe. Doch das Volk tobte, es kam zu Aufständen und Tumulten, man verlangte Lolas Ausweisung.
Fulminantes Finale und Abdankung
Lola Montez, die gern im Mittelpunkt stand, nutzte ihre königliche Bevorzugung schamlos aus. Kampfeslustig provozierte sie Skandal um Skandal. So pflegte sie mit ihrer furchteinflößenden Dogge durch die Münchner Innenstadt zu flanieren, bewaffnet mit einer Reitgerte. Dabei rauchte sie genüsslich Zigaretten, obwohl dies in der Öffentlichkeit verboten war. Eskortiert wurde sie von einer Gruppe Studenten des "Korps Alemannia", genannt "Lolamannen", die den Widerstand der konservativ gesonnenen Studenten herausforderten. Als es vor der Theatinerkirche zu einer Straßenschlacht mit der aufgebrachten Menschenmenge kam, eilte Ludwig zu Lolas Rettung herbei. Ein Druck aus der "Leipziger Illustrirten Zeitung" vom 4. März 1848 zeigt den Rückzug der beiden in die Residenz.
Um die rebellischen Studenten zu bestrafen, ließ Ludwig die Universität München schließen. Ein folgenschwerer Schritt, der den Höhepunkt der Aufstände heraufbeschwor – sogar die Armee wandte sich nun gegen ihn. Ludwig musste zurückrudern. Am 11. Februar ließ er die Universität öffnen und unterschrieb widerwillig den Ausweisungsbefehl der jüngst ernannten Gräfin Landsfeld, die München umgehend verlassen musste. Am 20. März trat er ab und überließ seinem Sohn Maximilian die Krone. Schweren Herzens soll er dazu gesagt haben: "Vorüber ist, was ich gefühlt, empfunden, doch um die Krone bleibe ich gebracht".
Lola Montez, die noch einige Zeit lang großzügige finanzielle Zuwendungen ihres königlichen Gönners genoss, kam noch ein paar Mal inkognito nach München. Schließlich reiste sie von Genf nach London und Paris, wo ihre Memoiren veröffentlicht wurden. Diese erschienen 1849 in Stuttgart, übersetzt aus dem Französischen. Ihr rastloses Leben mit wechselnden Amouren und Engagements als Tänzerin führte sie schließlich bis nach Amerika an den Broadway. Im Jahr 1861 starb sie an einem Gehirnschlag in New York.
Dr. Elisabeth Kuen
Weitere spanndende Informationen zu Lola Montez gibt es im bavarikon Podcast: