Hereinspaziert! Populäre Unterhaltungsformen um 1900 im Spiegel von Postkarten
Die Einführung der Postkarte in Deutschland ab 1870 und die Erfolgsgeschichte der Bildpostkarte fallen mit einer wesentlichen rechtlichen Neuerung zusammen: Seit der Reichsgründung galt in Bayern die Gewerbefreiheit.
Wirtschaftsboom auch in der Großstadt München
Der nun folgende Wirtschaftsboom, der die Industrialisierung weiter vorantrieb, machte Deutschland bis zum Beginn des 1. Weltkriegs neben Großbritannien zur führenden Industrienation Europas und erfasste auch Bayern. München entwickelte sich zu einer Großstadt mit entsprechender Industrie und einer wachsenden Arbeiterbevölkerung. Zwischen 1871 und den 1890er-Jahren verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf ca. 350.000. 40 % der Münchnerinnen und Münchner im Jahr 1900 waren nicht in München geboren.
Blühende Unterhaltungskultur in München
Zugleich blieb die Stadt ein Zentrum des Kunsthandwerks und der schönen Künste. Dies bot ideale Voraussetzungen für eine Vielzahl von Ausstellungen, die Kunst und technische Neuerungen präsentierten, und für eine bunte Unterhaltungskultur als Teil der im 19. Jahrhundert entstehenden Populär- und Massenkultur. Dazu gehörten die vielfältigen Schaustellungen, die auf dem Oktoberfest und anderen Volksfesten ein großes Publikum erreichten. Denn auch die Schaustellerei erlebte ab den 1880er-Jahren eine Blütezeit. Als Beruf stand sie nun allen offen. Die Konzessionen wurden nun nicht mehr zeitlich und räumlich von den Landesregierungen begrenzt. Zugleich eröffnete sich mit dem Deutschen Reich ein viel größeres Reisegebiet für die Schausteller und Schaustellerinnen, die nun die Eisenbahn für den Transport ihrer Geschäfte nutzen konnten.
Klischees und Tourismus
Intensiv erlebten die Münchner und Bayern um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einen rasanten Fortschritt, begleitet von Armut, Wohnraumnöten und sozialen Konflikten. Lokalpatriotismus und eine Rückbesinnung auf Tracht und Tradition, die in eine oft stereotype und klischeehafte Darstellung von Bayern und seiner Hauptstadt mündeten, sind vielleicht auch eine Reaktion auf die Umbrüche dieser Zeit. Die Postkarte als Massenmedium verbreitete diese Motive millionenfach und prägte damit nachhaltig das Klischee vom biertrinkenden, feierfreudigen und wohlgenährten Bayern. Dieses Bild vereinte Selbstironie, touristische Werbung und kulturelle Abgrenzung gegenüber dem nördlichen Preußen.
Postkarten als Souvenir, Werbung und Sammlerstück
München bot mit den vielen ansässigen Künstlern und der Kunstakademie eine Vielzahl von verfügbaren Postkartengestaltern für die Münchner Verlagslandschaft. Auch wenn der Münchner Ludwig Zrenner (1860-1929) die Erfindung der Bildpostkarte zu Unrecht für sich reklamierte, war er doch einer der ersten, der solche Bildpostkarten auf seinem Stand auf dem Oktoberfest anbot. Solche Stände, aber auch fliegende Händler verkauften die beliebten Karten dort sowie in Wirtshäusern und Vergnügungsstätten. Auf dem Oktoberfest gab es ab 1904 sogar ein Sonderpostamt, wo Festbesucher ihre Grüße direkt versenden konnten. Aber nicht nur für kurze Nachrichten diente die Postkarte. Schausteller und Wirte nutzten sie als Werbeträger. Und die so vielfältig gestalteten Bildträger waren bald auch beliebtes Sammlungsgut, erhältlich auch in Buch- oder Schreibwarenhandlungen oder speziellen Fachgeschäften.
Die Ausstellung vermittelt das oft klischeehafte Bayernbild der Zeit, folgt dem Oktoberfest in vielen Darstellungen durch die Jahrzehnte und öffnet anhand von Postkarten ein Panorama von verschiedenen Münchner Unterhaltungsetablissements der Zeit um die Jahrhundertwende. Hereinspaziert!
Mascha Erbelding