Tibetischer Buchdeckel Über das Objekt

Tibetischer Buchdeckel

1201 - 1400
  • Tibet

Beschreibung

Die tibetische Buchkultur entstand in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Ab dem 11. Jahrhundert fanden in ihr hölzerne Buchdeckel (tib. glegs shing) Eingang. Verbreitet sind diese im Einflussbereich der tibetischen Schriftkultur im Himalayaraum (Tibet, Ladakh, Nepal, Sikkim und Bhutan) sowie in der vom tibetischen Buddhismus geprägten Mongolei.

Die langgestreckte Form der Deckel entspricht der klassischen indischen Buchform, die für das tibetische Buch Vorbild war. Dabei liegen die schmalen, beidseitig beschriebenen oder bedruckten Blätter zwischen zwei Holzdeckeln. Die künstlerische Ausgestaltung, insbesondere die kunstvollen Schnitzereien der Deckelinnenseiten, hat keine indischen Vorläufer. Sie erreichte in der tibetischen Kunst ihre volle Blüte. Beeinflusst wurde sie wohl von der Holzschnitzkunst nepalesischer Newars aus dem Kathmandu-Tal, die in Tibet wirkten.

Cod.tibet. 1005 entstand im 13./14. Jahrhundert und wurde 2012 von der Bayerischen Staatsbibliothek im Antiquariatshandel erworben. Es handelt sich um einen vergoldeter Oberdeckel. Die Schnitzereien befinden sich auf der Innenseite. Um Beschädigungen zu vermeiden, ist diese konkav gestaltet.

In Zentrum sitzt auf einem Löwenthron die vierarmige Prajñāpāramitā als Personifizierung der höchsten Tugend der Bodhisattvas im Streben nach Erlösung. Sie überragt alle anderen Gestalten deutlich. Die rechte Hand des Hauptarmpaares ist in Lehrgeste erhoben, während die linke in Meditationshaltung im Schoße ruht. Die hintere rechte Hand hält ein buddhistisches Ritualobjekt, die linke ein Buch mit den Lehrreden Buddhas. Beiderseits der Hauptfigur sitzen jeweils fünf gekrönte Buddhas.

Der dreistufige Thron ist auf allen Seiten von Lebewesen umgeben. Im Sockel stehen zwischen den beiden Löwen zwei Dämonen, im Bereich der Säulen jeweils zwei Elefanten und Mischwesen mit Reitern, im oberen Bereich (unterhalb eines Baldachins) ein Vogelwesen mit menschlichen Zügen flankiert von zwei Schlangenwesen mit menschlichen Körpern und schließlich darunter (auf dem waagerechten Perlenband hockend) zwei Seeungeheuer.

Die beiden Felder mit den je fünf kleineren Buddhas werden jeweils durch zwei Säulen gestützt. Zwischen diesen befinden sich die „Sieben Kostbarkeiten eines Weltenherrschers“. Über den Nebenfiguren stehen zwischen zwei Perlenreihen die „Acht Glückssymbole“ des Buddhismus. In der Mitte des Rankenmusters am unteren Rand sind drei Juwelen dargestellt, die für die „Drei Kostbarkeiten“ des Buddhismus stehen: Buddha, Dharma (buddhistische Lehre) und Saṅgha (Gemeinschaft der Praktizierenden).