Autorenporträt zu Ernst Günther Bleisch Über das Objekt

Beschreibung

Der gebürtige Breslauer Ernst Günther Bleisch besucht in seiner Heimatstadt das Gymnasium „Elisabethan“. Er wird Soldat im Zweiten Weltkrieg; 1945 kommt er mit seiner Mutter als „Heimatvertriebener“ in den stiftländischen Ort Steinmühle (Lkr. Tirschenreuth). Im Oktober 1946 ziehen beide nach München. Der gelernte Buchhändler arbeitet ab 1947 als freier Schriftsteller und Journalist beim Münchner Merkur sowie als Rundfunkautor beim Bayerischen Rundfunk. 1972 leitet er – nach dem Tod von Florian Seidl – die Künstlervereinigung Seerosenkreis.

„Namentlich für das Naturgedicht“, so der Coburger Literaturwissenschaftler >> , findet Ernst Günther Bleisch „eine neue, vor allem mit progressiven Stilrichtungen vereinbarte Sprache. >> und Wilhelm Lehmann waren seine Vorbilder. Farbensymbolik und manieristische Wortbilder verraten aber auch Nachwirkungen des Expressionismus.“

1941 bereits in der schlesischen Anthologie Das neue Lied der Heimat vertreten, sieht sich Ernst Günther Bleisch ganz in der Tradition Gerhart Hauptmanns, Walter Stanietz und Paul Kellers und ediert die Sammlung Heitere Leute von Oder und Neiße (1958) sowie Zauber Schlesiens (1959). 1954 stellt der „Wahl-Schwabinger“ sein Lyrikbändchen Traumjäger vor. Dem Erstling folgen Frostfeuer (1960) und Spiegelschrift (1964). 1964 erscheint auch seine Biographie Georg Trakl. Genius der Deutschen. Es folgen die Gedichtbände Oboenghetto (1968), Carmina Ammen (1973), eine Hommage an seine „neue“ oberbayerische Heimat, und Salzsuche (1975). In seinem Westöstlichen Lamento (1977) skizziert der Autor sein lyrisch-persönliches Glaubensbekenntnis.

1983 folgt Zeit ohne Uhr, ein Sammelband seiner Gedichte aus drei Jahrzehnten. >> , Landsmann, Freund und Schriftstellerkollege schreibt: „Wer Bleischs Lyrik nur wenig oder überhaupt nicht kennt, wird überrascht sein, wenn ihm hier ein Dichter begegnet, der offenbar zu der aussterbenden Spielart der Poeten gehört. Die Sache des Poeten ist nicht das Strenge, Gesammelte, Kunstreiche, der hohe Gedankenflug, sondern Spiel, Musik, Farben, Träume.“ 1984, zum 70. Geburtstag von Ernst Günther Bleisch, schreibt >> in der Süddeutschen Zeitung: „Bleisch spielt die Narrenrolle des Unzeitgemäßen ohne Lamenti und Getrampel, mit einer Grazie, die sich nicht aus dem Rhythmus bringen läßt.“ Und der Lyriker, Erzähler und Literaturwissenschaftler >> hält beim Festakt zu Bleischs 70. Geburtstag in Wangen im Allgäu eine Laudatio unter dem Motto „Der Luftgeborene“.

1989 erscheinen Die kleinen Irritationen, 2000 Das verwirrte Herz und 2002 der Gedichtband Anfällig für Romanzen. Bemerkenswert ist zudem der zweisprachige (deutsch-polnische) Lyrikband Lyrisches Breslau (1998). Karl Krolow lobt den Autor: „Die Poesie des Ernst Günther Bleisch ist eine Lyrik der Nuancen geblieben.“ 

Bleisch ist immer auch ein gerngesehener Gast im damaligen Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, was u.a. der Eintrag ins Gästebuch anlässlich seiner dortigen Autorenlesung vom 17. Mai 1985 zeigt. Eine lange, intensive Künstlerfreundschaft verbindet ihn auch mit dem Sulzbacher Maler-Poeten und Kunst-Pädagogen Hans Wuttig (*1932). 1989 fährt Ernst Günther Bleisch nochmals ins Oberpfälzische „Stiftland“, wo ihn lyrische Erinnerungen an die Nachkriegszeit einholen:

WIEDERSEHEN MIT DER WONDREB

Ich sehe die Wondreb wieder nach vierzig Jahren Wondreb? Das (fast) namenlose Wiesenflüßchen im (oberpfälzischen) Stiftland

 

Und Ich sehe mich selber wieder hier am (längst stillgelegten) Bahnhöfle das jetzt ein Autoschrottplatz ist

[...]

Der Autor hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. den Eichendorff-Preis (1956), die Karl-von-Holtei-Medaille (1963), den Schwabinger Kunstpreis (1969), den Tukan-Preis (1977), den Gryphius-Preis (1985), den Ernst-Hoferichter-Preis und Sonderpreis des Kulturpreises Schlesien des Landes Niedersachsen (beide 1989), das Bundesverdienstkreuz am Bande (1990) sowie einen Aufenthalt als Ehrengast in der Villa Massimo, Rom (1992).

Trotz seiner Mitgliedschaft im schlesischen Wangener Kreis will Ernst Günther Bleisch nie als „reiner Vertreibungsautor“ gesehen werden; als „Grenzgänger“ überwindet er die Grenzen, real und im Geist – nach Süden wie nach Osten. Dem sogenannten bundesdeutschen Literaturbetrieb bleibt er zeitlebens fremd.

In vielen Reisen, die ihn ins vielgeliebte Paris, in die Türkei und bis in die Karibik, nach Nordamerika und Nordafrika entführen, schafft er sich ein Bild von der Welt, gelegentlich mit poetischen Notizen in seinem Werk, aber stets von der Natur berauscht, zugleich in Schlesien beheimatet und in München zu Hause. 

Dreieinhalb Monate vor seinem 90. Geburtstag stirbt, so der Journalist, Schriftsteller und Vertriebenen-Politiker Herbert Hupka, „ein großer Meister des Wortes, ein schlesischer Sänger der Natur, ein schlesischer Münchner, ein kenntnisreicher Essayist, ein Bürger des 20. Jahrhunderts mit all seinen Schicksalsschlägen, der es verdient, gelesen und gerühmt zu werden“.

Sein Nachlass liegt im Literaturarchiv der Monacensia.