Geschnitzte, hölzerne Plastik auf fahrbarem Untergestell, "Palmesel"

Historischer Verein Neuburg an der Donau

Beschreibung

Vom Einzug Jesu in Jerusalem, auf einem Esel reitend, wird in den Evangelien berichtet (Mt 21, 1-5; Joh 12, 12-15; Mk 11, 1-11; Lk 19, 29-38). Matthäus und Johannes weisen darauf hin, dass sich damit eine alttestamentarische Prophezeiung (Zach 9,9) erfülle. Seit dem Mittelalter ist das Mitführen einer figürlichen Darstellung von Jesus auf einem Esel Bestandteil des feierlichen Umzugs (Prozession) am Palmsonntag, also dem Sonntag vor Ostern. Das Neuburger Exemplar entspricht der üblichen Gestaltung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Palmesel: Jesus und sein Reittier sind als vollplastische, fast lebensgroße, aus Holz geschnitzte Figuren realisiert. Die rechte Hand des im Herrensitz reitenden Jesus ist segnend erhoben. Die linke Hand ist so gestaltet, dass sie etwas –mittlerweile am Objekt Verlorengegangenes – halten könnte, einen Palmzweig etwa, ein Buch oder einen Zügel. Die Eselsfigur ist mit den Füßen auf ein Brett montiert, an dem Rollen angebracht sind. So kann sie in den Prozessionen mitgezogen werden. Die Palmesel stellen eine "Imitation" des neutestamentarischen Geschehens dar, also eine Nachbildung bzw. Nachahmung einer biblischen Szene mit theatralisch-inszenatorischen Mitteln zum Zweck ihrer Verdeutlichung und Vergegenwärtigung. Den Bilderstürmen der Reformation (16. Jahrhundert) und der Aufklärung (18. Jahrhundert) fielen zahlreiche Palmesel zum Opfer. In Nebenräumen oder auf Dachböden von Kirchen überdauerten nur etwa 300 Palmesel.

Autor

Dr. Stephan Bachter, Historischer Verein Neuburg an der Donau