Beschreibung
Dieser in seinen Grundzügen konventionell gestaltete Rosenkranz hat Avemaria-Perlen aus Rubinglas. Vaterunser-Perlen, Kreuz und Kette sind aus Silberfiligran. Eingehängt in den Rosenkranz sind ein Amulett mit einer Blume, ein gefasstes Stück Bernstein sowie ein Anhänger mit einer Neidfeige. Das ist im Zusammenhang mit einem religiösen Objekt eine Besonderheit. Die Neidfeige (auch Feigenhand) ist eine Geste, bei der der Daumen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger eingeklemmt wird. Bei Benutzung dieser Geste spricht man davon, "jemand den dicken Daumen zu zeigen" oder "jemanden die Feige zu zeigen". In Italien, wo die Neidfeigen-Geste im antiken Raum und in Süditalien ihren historischen Ursprung hat, ist von "Mano in fica" ("Feigenhand") und "fare la fica" (wörtlich: "die Feige machen") die Rede. Das Wort "fica" ist doppeldeutig: es bezeichnet einerseits die Frucht "Feige", andererseits ist es auch ein gebräuchliches, wenngleich vulgäres Wort für die äußeren weiblichen Genitalien ("Vulva"). "Fico" bezeichnet den Feigenbaum, wird aber auch für "Penis" gebraucht. Ein Buch zur Körpersprache der Italiener deutet denn auch den Daumen als Penis, der zwischen einer von Zeige- und Mittelfinger gebildeten Vulva steckt. Auch das vulgär-umgangssprachliche Verb "ficken" (für die Ausübung des Beischlafs) hat seinen Ursprung in der antiken Bedeutung und Symbolik der Feige und des Feigenbaums. Das in Südeuropa häufig getragene Neidfeigen-Amulett dient ebenso wie die mit den Fingern gebildete Feigenhand der Abwehr von Unheil, namentlich des bösen Blicks (italienisch: malocchio) und böser Geister. Da sexuelle Aktivität in der Antike als Geschenk der Götter galt und positiv besetzt war, wurde sie den destruktiven Kräften entgegengesetzt, die Menschen mit dem bösen Blick entfesseln konnten. Neben Glücksgefühl und Lust bescherte Sex auch Nachwuchs, so dass die ihn andeutende Neidfeige auch als Fruchtbarkeitssymbol gilt. Die Neidfeige drückt aber auch Hohn und Spott aus und nutzt dazu die Obszönität der Geste, deren Zeigen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit durch die Behörden massiv geahndet wurde. Sie begegnet uns in der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen christlichen Kunst. Bei Darstellungen der "Verspottung Christi" zeigen seine Folterknechte auch die Neidfeige. Sie zählt auch zu den Arma Christi, den Leidens- und Hinrichtungswerkzeugen der Passion. Albrecht Dürer (1471-1528) zeichnete um 1494 auf einem Studienblatt unter anderem eine Feigenhand.
Autor
Dr. Stephan Bachter, Historischer Verein Neuburg an der Donau