Schützenliesl

Einer der ersten Wiesn-Hits der Nachkriegszeit wurde im Jahr 1953 der von Gerhard Winkler (1906-1977) komponierte Schlager "Schützenliesl". Mit dem leicht eingängigen Text und den drei markanten Paukenschlägen gehört der Titel noch heute zum festen Repertoire der Kapellen in den Festzelten. Den wenigsten Mitsingenden wird jedoch bewusst sein, dass es tatsächlich eine "reale Vorlage" der zur Symbolfigur avancierten "Schützenliesl" gab.

Für eine erste Skizze von Friedrich August Kaulbach (1850–1920) stand Coletta Möritz (1860–1953) Modell. Sie kam aus dem Landkreis Aichach-Friedberg und arbeitete als "Biermadel" beim Münchner Sternecker-Bräu. Im Rahmen des VII. Deutsche Bundesschießens auf der Theresienwiese im Jahr 1881 wurde Kaulbachs Motiv dann bei der Gestaltung des "Schützenliesl"-Turms verwendet. Das Gemälde zeigte die junge Kellnerin lächelnd als "Schützenliesl" die gekonnt auf einem Bierfass balanciert. Als Kopfbedeckung trägt sie eine Schützenscheibe, die Haare sind zu Zöpfen geflochten. In den Händen hält die Kellnerin acht schäumende Maßkrüge. Die Darstellung wurde zum Stadtgespräch, da das Motiv als zu frivol und freizügig wahrgenommen wurde. Durch das Kolossalgemälde wurde Möritz selbst zu einer lebendigen Werbeikone der bayerischen Wirthauskultur. Als zusätzliche "Attraktion" bediente Möritz sogar selbst in dem Festzelt, was die Umsätze steigen ließ.

Im Lauf der folgenden Jahrzehnte zierte die Symbolfigur der Schützenliesl die verschiedensten Werbemittel. Weil das Gemälde ein großer Erfolg war, übernahm die Münchner Kindl-Brauerei das Motiv und änderte die ursprünglichen Initialen "F.A.K." (für Friedrich August Kaulbach) zu "B.M.K." (Brauerei Münchner Kindl). Zu sehen ist dies auf der hier gezeigten Werbekarte der Unionsbrauerei aus dem Jahr 1905. Die Brauerei ließ die Darstellung der Schützenliesl 1882 sogar als geschütztes Warenzeichen für Ihr Bier und die Brauerei eintragen. Auch auf dem Oktoberfest 1890 wurde die Darstellung der "Schützenliesl" als Kopie in der Bierbude Nr. 1 zur Zierde des Innenraums verwendet.

Im weiteren Verlauf ihres Lebens wurde Coletta Möritz selbst zu einer erfolgreichen Gastronomin. Sie starb 1953 in Sendling und wurde auf dem Waldfriedhof beerdigt.

Julia Misamer